Eltern haften für ihre Kinder? – Was Eltern, Verwandte und Babysitter über die Haftpflicht wissen sollten

Baustellen mit ihren tiefen Buddellöchern und großen Baggern haben scheinbar eine magische Anziehungskraft auf Kinder, die wohl nur durch ein Schild gebremst werden kann: „Eltern haften für ihre Kinder!“ Aber ist das wirklich so? Was passiert z.B., wenn Ihr Sonnenschein sein Kunsttalent beweist, indem er Nachbars neues Auto mit abstrakten Kratzern verschönert? Wer zahlt, wenn Prinzessin Stolperfuß ein Glas Kirschsaft über den Perserteppich Ihrer besten Freundin verschüttet? Haben Sie Ihre Aufsichtspflicht verletzt, wenn kleine Frühaufsteher Spielzeug aus dem 8. Stock auf alles werfen, was sich bewegt – während Sie endlich einmal ausschlafen?

Junge schießt mit der Steinschleuder - Haftpflicht Schaden

Eltern haften für ihre Kinder? Nicht unbedingt in jedem Fall.

Vereinbarungen, wie mit bestimmten Schäden, die Kinder Dritten zufügen, umzugehen ist, sind zwar gesetzlich fixiert, aber im konkreten Schadensfall wird stets sehr situativ entschieden. Dies berücksichtig ausdrücklich das Alter, den Entwicklungsstand sowie die Delikt- und die Schuldfähigkeit des Kindes oder Jugendlichen. Selbst in besonders heiklen Schadensfällen entscheiden Gerichte oft eher zugunsten von Kindern und Familien – aber eben leider nicht immer. Sollten Schadensersatzansprüche tatsächlich geltend gemacht werden, so sind Familien gut beraten, mit einer Rechtsschutzversicherung vorzusorgen. Damit es gar nicht erst so weit kommt, erklärt unser Ratgeber, wie Sie mit Haftungsrisiken durch eigene oder mitbetreute Kinder umgehen und möglichst im Vorfeld vermeiden.

Deliktfähigkeit und Haftpflichtansprüche

Kinder und Jugendliche haben nicht nur eine eingeschränkte Schuldfähigkeit, sondern auch eine vom Entwicklungsstand abhängige Deliktfähigkeit, allerdings sind die beiden Begriffe nicht identisch. Deliktfähigkeit liegt vor, wenn nach Privatrecht § 828 BGB eine Person für einen von ihr vorsätzlich oder fahrlässig verursachten Schaden Ersatz leisten muss. Kinder bis zum 7. Lebensjahr sind deliktunfähig, d.h. Schadensersatz kann weder eingefordert noch von Versicherungen bezahlt werden (ausgenommen, die Police deckt Risiken deliktunfähiger Familienmitglieder ab). Bis zum 10. Lebensjahr sind Kinder auch nicht deliktfähig im Zusammenhang mit Schäden, die sie im Straßenverkehr verursachen (ausgenommen, sie handeln vorsätzlich). Kinder und Jugendliche zwischen 7-18 Jahren gelten als bedingt deliktfähig, d.h. sie haften für Schäden, wenn sie die nötige Einsicht für die Schadensursache aufweisen. Ab dem 18. Lebensjahr sind junge Erwachsene dann voll deliktfähig. Ausnahme ist auch hier, dass die Personen für ihr Alter nicht entwicklungstypisch die Einsicht ihrer Schäden nachvollziehen können, z.B. aufgrund von geistiger Behinderung oder Lernschwierigkeiten.

Schuldfähigkeit von Kindern und Jugendlichen

Alterrechtlicher Status
0 bis einschl. 13 Jahre Kind
14 bis einschl. 17 Jahre Jugendliche(r)
18 bis einschl. 20 Jahre Heranwachsende(r)
18 bis einschl. 26 Jahre volljähriger Jugendlicher

Kinder bis 13 Jahre sind laut § 19 StGB generell schuldunfähig. Sie begreifen oft noch nicht die Tragweite ihrer Aktionen und können dafür nicht bestraft werden. Ab dem 14. Lebensjahr sind Jugendliche schuldfähig – allerdings auch nur, wenn sie zur Zeit der Tat reif genug dafür sind, das Unrecht einer Tat zu begreifen und nach dieser Erkenntnis zu handeln. Ab dem 18. Lebensjahr geht man von der vollen Schuldfähigkeit aus.

Aufsichtspflicht als Kriterium für Haftpflicht

Junge läuft an der Hand einer Frau

Die Aufsichtspflicht ist ein entscheidendes Kriterium für Fragen der Haftpflicht bei Kindern

In vielen Fällen ist die Basis für einen Haftpflichtanspruch eine Frage der Aufsichtspflicht. Kinder und Jugendliche bis 18 Jahre dürfen nicht unbeaufsichtigt bleiben, allerdings variieren die notwendigen „Beobachtungs-Intervalle“ je nach Alter. Prinzipiell haben die Eltern bzw. Erziehungsberechtigte die Aufsichtspflicht, sie ist Teil der gesetzlich geregelten elterlichen Sorge, die wiederum die Bereiche Pflege, Vermögenssorge, Erziehung und Aufenthaltsbestimmungsrecht umfasst. Alleine die Aufsichtspflicht können die Eltern freiwillig abgeben und müssen dies teils auch– z.B. wenn sie ihre Kinder in den Kindergarten oder zur Schule bringen. Dort hat das jeweilige pädagogische Personal die Aufsichtspflicht bis zum Ende der vereinbarten Besuchszeit.

Aufsichtspflicht – wer haftet für Kinder und Jugendliche?

Eltern

Kinder bis 7 Jahre sind deliktunfähig – im Schadensfall stehen Eltern und Geschädigte damit vor einer verzwickten Situation. Denn streng juristisch gesehen können von deliktunfähigen Personen ja keine Schäden verursacht werden und deshalb zahlen die Versicherungen natürlich auch nichts (wenn es nicht vertraglich in der Police festgelegt wurde). Dies ist nicht nur ärgerlich, sondern belastet auch Freundschaften und nachbarschaftliche Beziehungen, denn hier passieren die meisten jener ungewollten Schadensfälle. Eltern sollten daher ihrem Versicherer die Geburt eines Kindes melden und mögliche Schäden durch deliktunfähige Personen (hierzu zählen übrigens auch an Demenz erkrankte Senioren) im Haushalt durch einen geringen Zusatzbeitrag abdecken lassen.
Ältere und bereits deliktfähige Kinder und Jugendliche sind wiederum fast immer in der privaten Haftpflichtversicherung ihrer Eltern oder einer Familienhaftpflichtversicherung abgesichert. Ohne Versicherungsschutz könnte das Kind sonst auch für Schäden an Dritten haftbar gemacht werden. Ungeachtet der Tatsache, dass Kinder und Jugendliche zu diesem Zeitpunkt meist noch über keinerlei Vermögen oder Einkommen verfügen, bleiben die finanziellen Schadensersatzforderungen bis zu 30 Jahre bestehen und müssen mit dem ersten selbstverdienten Geld abgestottert werden.
Die elterliche Haftpflichtversicherung greift jedoch nicht, wenn die Eltern ihre Aufsichtspflicht verletzt haben. Welche „Kontroll-Zeiten“ angemessen sind, ist abhängig vom Alter und Entwicklungsstand des Kindes. Inwiefern die Aufsichtspflicht von den Eltern, Erziehungsberechtigten oder Betreuungspersonen verletzt wurde, wird daher in jedem einzelnen Fall entschieden, denn zusätzlich sind auch die Umstände – z.B. ein kurzer Moment der Ablenkung bei sonst lückenloser Betreuung – entscheidend.
Kinder können zudem, sofern sie ledig sind und im Haushalt der Eltern leben, auch noch bis zum Ende der ersten Ausbildung/ Studium in der elterlichen Haftpflichtversicherung mitversichert sein. Dies schließt auch Zeiträume eines sozialen bzw. ökologischen Jahres und des Bundesfreiwilligendienstes ein. Manche Versicherer bieten sogar die Mitversicherung in der Zweitausbildung an.

Großeltern, Tanten, Onkel

Großeltern sind eine gern gesehene Hilfe bei der Betreuung ihrer Enkelkinder. Kommt es zu einem Schadensfall durch die Enkel, haben sie die Aufsichtspflicht übertragen bekommen und sind dadurch theoretisch haftbar. In der Praxis sind Großeltern, die mit der Familie zusammenleben, meist über eine Familienhaftpflichtversicherung mitversichert (vor allem alleinstehende Großeltern; sie und ggf. deliktunfähige Kinder müssen jedoch explizit in der Police versichert sein). Andernfalls übernimmt die Versicherung der Kindseltern die Schadensersatzkosten. Ausnahme ist auch hier, dass Oma und Opa ihre Aufsichtspflicht gegenüber Minderjährigen nicht vernachlässigen und dass die Kinder das Alter der Deliktfähigkeit überhaupt erreicht haben.

Großmutter mit kleiner Enkelin im Garten

Großeltern entlasten junge Familien sehr – aber sind sie auch versichert gegen Schäden der Enkel?

Dasselbe gilt auch für Onkels und Tanten – übernehmen sie die Aufsicht von Kindern und Jugendlichen, haften sie de facto privat für eventuelle Schäden. Praktisch gesehen zahlt jedoch die Privathaftpflicht der Kindseltern. Ausnahme ist hier, dass Tanten und Onkels selber noch minderjährig sind, denn in diesem Fall haftet die Familienversicherung oder die Privathaftpflicht der Eltern von Onkel und Tante.

Freunde und Nachbarn

Wer Freunden oder Nachbarn seine Kinder anvertraut oder deren Kinder zeitweise mitbetreut, hat meistens ein gutes Verhältnis zueinander – und wünscht sich, dass es so bleibt. Rechtlich gibt es aber gerade in Sachen Haftpflicht einiges zu beachten.
Wer z.B. zu einem Kindergeburtstag einlädt, hat damit auch die vertragliche Aufsichtspflicht für alle kleinen Gäste übernommen. Dasselbe gilt, wenn Nachbarn und Freunde Ihre Kinder zeitweise mitbetreuen – sie übernehmen mit der Einwilligung zur Betreuung die Haftung für diesen Zeitraum. Das gleiche gilt, wenn Sie, Ihre Freunde oder Nachbarn die Kinder mit auf einen Ausflug oder in den Urlaub nehmen. In der Praxis wird bei einem Schadensfall jedoch die elterliche Haftpflichtversicherung geltend gemacht. Tipp: Teilen Sie sich bei größeren Kinder- und Jugendgruppen die Aufsicht mit mehreren Personen – so können sie zwischendurch auch kleine Pausen einlegen oder sich einzelnen Kindern bei Bedarf stärker widmen.
Aufgrund der großen Verantwortung sollten Sie ihre Betreuungswünsche immer explizit mit Freunden und Nachbarn besprechen – nur ein deutliches „Ja, ich passe auf dein Kind auf“ kann juristisch als Zustimmung zur Übernahme der Aufsichtspflicht gelten. Spielt Ihr Kind z.B. allein auf irgendeinem Spielplatz, in dessen Umgebung sich zufällig auch Erwachsene befinden, so entsteht diesen daraus keine Aufsichtspflicht.

Au-Pairs, Tagesmütter und Babysitter

Professionelle Kinderbetreuung ist für viele Familien eine gute Lösung, um unterschiedliche Öffnungszeiten für Kitas und Schulen, Sportvereine sowie Arbeitszeiten in Einklang zu bringen. Tagesmütter haften dabei für die Betreuung von fremden Kindern mit ihrer Berufshaftpflichtversicherung. Diese zahlt aber nur, falls die Aufsichtspflicht nicht verletzt wurde. Die Haftpflicht für eine Tagesmutter (oder Tagesvater) entfällt, wenn sie/ er unentgeltlich arbeitet.
Au-Pairs sind überwiegend junge Frauen (selten junge Männer) zwischen 17-26 Jahren, die aus dem Ausland stammen und in einer Familie mit Kindern für maximal ein Jahr leben. Kinderbetreuung und leichte Hausarbeiten gehören zu den typischen Tätigkeiten eines Au-Pairs – de facto wäre also eine Berufshaftpflichtversicherung nötig, um Au-Pairs gegen Haftansprüche während der Aufsichtspflicht abzusichern. Spezielle Au-Pair-Versicherungen enthalten diese bereits, häufig werden tatsächliche Schadensfälle aber auch über die Haftpflichtversicherung der Gasteltern reguliert. Gut zu wissen: Lebt eine minderjährige Person,  die in keinem verwandtschaftlichen Verhältnis zu Ihnen steht (z.B. 17-jähriges Au-Pair oder Austauschschüler) maximal 12 Monate in Ihrem Haushalt, kann diese Person gegen einen kleinen Zusatzbeitrag in die Familienhaftpflichtversicherung eingeschlossen werden.
Babysitter unter 18 Jahren haben zwar „beruflich“ die Aufsichtspflicht übernommen, sind bei Schäden jedoch selbst nur bedingt delikt- oder schuldfähig und verfügen meist auch nicht über eine Berufshaftpflichtversicherung. In Schadensfällen übernimmt damit also die private Haftpflichtversicherung der Eltern des Babysitters die Kosten. Ist der Babysitter über 18 Jahre alt, sollte er oder sie eine eigene private Haftpflichtversicherung besitzen, aber auch die private Haftpflichtversicherung der eigenen Eltern kann hier unter bestimmten Umständen greifen.

Minderjährige Kinder und Jugendleiter

Ältere Geschwister oder Nachbarschaftskinder, die auf kleinere Kinder aufpassen, sind für viele Eltern eine tolle Unterstützung. Ab 12 Jahren können ältere Geschwister gelegentlich etwa 1-2Stunden auf jüngere Kinder aufpassen, ab 16 Jahren darf ein Jugendlicher auch babysitten. Übernehmen Minderjährige die Aufsichtspflicht, entsteht daraus keine Haftpflicht, vor allem nicht für Geschwister. Bei eventuellen Schäden gehen Versicherungen von sogenannten Eigenschäden aus.
Teenager, die als Jugendleiter jüngere Kinder am Badesee, im Ferienlager oder als Sporttrainer beaufsichtigen, tragen viel Verantwortung und übernehmen offiziell die Aufsichtspflicht. Hier müssen die Eltern des Jugendleiters der Tätigkeit eindeutig zustimmen – ob nun schriftlich, mündlich oder stillschweigend durch Gewährung der Tätigkeit als Jugendleiter. Kommt es zu einem Schadensfall während der Betreuungszeit, werden Ersatzansprüche allerdings nicht an den Jugendleiter, sondern an Veranstalter, volljährige Mitarbeiter oder den Vorstand im Sinne einer Gesamtschuldnerschaft gestellt.

Junges Mädchen schaut in ein Lagerfeuer

Wer haftet im Schadensfall, wenn ältere Geschwister oder Jugendleiter auf Kinder aufpassen?

Diese gilt wiederum nicht in offenen Jugendzentren oder bei öffentlichen Spielfesten – durch das ständige Kommen und Gehen der Teilnehmer kann nicht von einer expliziten Verabredung zur Aufsichtspflicht ausgegangen werden. Lassen Eltern ihre Kinder unbeaufsichtigt bei einer derartigen Veranstaltung verweilen, sind sie auch für eventuelle Ersatzansprüche aus Schäden haftpflichtig – denn der Veranstalter ist lediglich verpflichtet, die Verkehrssicherheit herzustellen.

Gegen gerichtlich geforderte Schadensersatzansprüche können sich Familien am besten mit einer Rechtsschutzversicherung schützen. Dabei sollten Sie eine Familienrechtsschutzversicherung wählen, die zusätzlich zum Basisschutz der privaten Rechtsschutzversicherung auch die Module Arbeits-, Verkehrs- und Mietrechtsschutz beinhaltet. Diese können ganz individuell hinzugebucht werden.
In einer Familienrechtsschutzversicherung können Ehe- und Lebenspartner, Kinder bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres bzw. Vollendung der ersten (Berufs)Ausbildung/ Studium (manchmal auch bis Abschluss der Zweitausbildung) versichert werden. Auch Großeltern können – sofern sie mit den Police-Inhabern unter einem Dach wohnen – die Familienrechtsschutzversicherung nutzen. Diese deckt Gerichts- und Anwaltskosten, Mediation, Gebühren für Gutachter sowie sinnvolle Zusatzleistungen ab. Sie ist aber nicht zu verwechseln mit einer Privatrechtsschutzpolice, die familienrechtliche Streitigkeiten z.B. über Erbschaft oder Unterhalt umfasst, denn diese müssen separat hinzugebucht werden. Wer diese Module in seinen Vertrag einbringen möchte, sollte seine gegenwärtige Police zusammen mit einem Berater überprüfen oder sich zu einem neuen Tarif beraten lassen.