Alles andere als ein Kinderspiel: Kinderfotos und Selfies im Internet

Das erste Bild nach der Geburt, das Faschingsfest im Kindergarten, die Urlaubsbilder vom Sommer am Strand, Selfies mit der besten Freundin – Kinder und Jugendliche sind ein beliebtes Motiv für Eltern, Verwandte und Erzieher und haben selbst auch viel Spaß am Knipsen. Smartphones und digitale Aufnahmegeräte haben dabei jedoch rasant die Masse an existenten Bildern erhöht sowie ihre öffentliche Zirkulation verändert. Denn mit jedem Handy lassen sich heute Bilder und Videos in guter Auflösung und unendlich hoher Zahl erstellen, zusätzlich lassen sich die Inhalte mit ein paar Klicks schnell im Internet teilen – z.B. auf der Homepage der Schule, per E-Mail, in sozialen Netzwerken und per Messenger-Dienst. Daten- und Kinderschützer sehen aber genau hier ein Problem, denn Kinder und Jugendliche unterschätzen sehr oft technische und soziale Auswirkungen dieser „Bilderflut“. Gleichzeitig verhalten sich aber auch Eltern und Verwandte nicht immer vorbildlich: Klebte man früher persönliche Aufnahmen in ein privates Fotoalbum, so stellen manche Erwachsene heutzutage oft eine ganze Kinderbiografie vom ersten Zähnchen bis zur Abi-Feier in soziale Netzwerke – nicht immer ist dies für Kinder vorteilhaft oder wird von ihnen später gar abgelehnt.

Kinderhände mit Smartphone

Kinder und Jugendliche unterschätzen oft technische und soziale Konsequenzen im Internet

Bilderflut aus dem Kinderzimmer: Technische und soziale Konsequenzen

Dabei geht es nicht um ästhetische Faktoren. Technisch gesehen kann heute jeder anonym die Bilder von Kindern und Jugendlichen im Internet (besonders in sozialen Netzwerken) abspeichern und vervielfältigen. Das heißt, auch wenn das Bild vom Urheber gelöscht wird, kann das Bild noch jahrzehntelang kursieren oder in Suchmaschinen gefunden werden. Nicht nur bedienen sich Pädokriminelle an solchen Bildern, um sie z.B. als Anzeigenbilder für Lockprofile zu benutzen, sondern die Bilder können unter Umständen auch Anlass zu Spott über das Kind sein oder einem späteren Arbeitgeber negativ auffallen. Daher hier einige Tipps zum Umgang mit den Abbildungen von Kindern und Jugendlichen im Internet:

Auch neugeborene Babys haben bereits ein Recht am eigenen Bild

Ihr Baby ist gesund und munter – teilen Sie Ihre Freude mit engen Verwandten und Freunden, aber verzichten Sie auf eine Bilderflut in sozialen Netzwerken. Wie wäre es stattdessen mit der altmodischen Geburtsanzeige in der Tageszeitung oder eine liebevoll gestalteten Bilderkarte auf dem Postweg an den engsten Kreis? Freunde in Übersee können Sie am besten mit einer schönen E-Mail über den Nachwuchs informieren.
Verzichten Sie bei Babys und Kleinkindern darauf, sie als Profilfotos in sozialen Netzwerken zu zeigen oder den Kindern gar ein eigenes Konto anzulegen. Die nahtlose Dokumentation jedes einzelnen kleinen Lernschrittes ist nicht für alle ihre Netzfreunde von brennendem Interesse und Ihr Kind hat hier auch keinerlei Mitsprachemöglichkeit. Denn auch Kinder haben ab Geburt ein Recht auf ihr eigenes Bild (Persönlichkeitsrechte). Eltern treffen diese Entscheidungen für Minderjährige nur stellvertretend, denn viele der einmal öffentlich eingestellten Inhalte können später nicht mehr vollständig gelöscht werden.

Geburtstag, Kindergarten, Schulfoto: Das Internet vergisst (fast) nichts

Ob wilde Kinderfete oder Aufführung im Kindergarten: Tobende Kindergruppen sind ein lebendiges Motiv, das mit vielen schönen Erinnerungen verbunden wird. Dasselbe gilt für Klassenfotos, Abschlussfeiern, Ausflüge, Tanzgruppen und vieles mehr – das Fotografieren von Kinder- und Jugendgruppen ist grundsätzlich nicht verboten, als Faustregel gilt: Steht keine einzelne Person im Vordergrund, kann eher von einem allgemeinen Interesse an der Veranstaltung ausgegangen werden. Auch bei öffentlichen Veranstaltungen, die praktisch jedermann offenstehen, benötigen Fotografen keine gesonderte Einwilligungserklärung der Eltern oder Modelle. Auf privaten Veranstaltungen wie z.B. einem Kindergeburtstag gilt, dass Fotos nicht ohne Einverständnis der Eltern einfach ins Netz gestellt werden dürfen. Ebenso sollte man die Kinder selbst fragen, ob sie überhaupt fotografiert werden wollen, besonders, wenn es nicht die eigenen sind. Kindergärten, Schulen und Vereine erteilen wiederum eine offizielle Einwilligungserklärung zur Veröffentlichung von Foto- und Videomaterialien der Kinder, die jederzeit widerrufen werden kann. Allerdings ist es dann meistens fast zu spät, denn einmal ins Netz gespeiste Inhalte lassen sich nur sehr schwer entfernen.

Lustige Bunte Strichmännchen

Für Gruppenveranstaltungen mit Kindern und Jugendlichen gilt: Fotografieren ist erlaubt, die Verbreitung der Bilder aber nur mit ausdrücklicher Erlaubnis der Eltern

Chatten, Knipsen, Liken: Wie Teenager selbstständig Medienkompetenz entwickeln

200 Selfies an einem Tag? Kein Problem für manche Teenies, die die Schnappschüsse von sich selbst und ihren Freunden einfach lieben. Lassen Sie Ihr Kind damit zunächst einfach experimentieren und Spaß haben, denn vieles, was geknipst wird, wird später weder bewusst nochmal angeguckt noch gespeichert. Schwieriger wird es beim Verbreiten der Bilder, vor allem in sozialen Netzwerken und über den Nachrichtensofortversand WhatsApp. Jugendlichen fehlt hier meist der Weitblick, in wessen Hände die Bilder gelangen bzw. wo im Netz die Inhalte zirkulieren. Sprechen Sie mit ihrem Kind darüber, dass Bilder teils noch Jahre und Jahrzehnte im Netz abrufbar sind und dass manche Menschen die Fotos auch für zwielichtige Fake-Profile benutzen. Geben Sie dem Kind verständliche Regeln und zeigen Sie am eigenen Beispiel, wie eine sinnvolle Verbreitung von Bildmaterialien aussehen kann. Nutzen Sie zusätzlich die vielfältigen Beratungsangebote, die es auch im Internet gibt und besprechen Sie mit ihrem Kind Strategien im selbstständigen Umgang mit verschiedenen Netz-Angeboten, Netz-Spielregeln und gesetzlichen Verboten. Erklären Sie dabei auch deutlich, welche Gefahren es gibt, ohne Kindern den Spaß am Surfen zu verderben. Strikte Verbote helfen oft nur wenig, denn sie machen bestimmte Sachen nur reizvoller. Ziel ist es letztlich, die Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen zu stärken und einen vernünftigen Umgang mit den eigenen Bildern und Videos im Netz zu vermitteln. Sprechen Sie mit größeren Kindern auch über das Herunterladen von geschützten oder nicht jugendfreien Inhalten aus dem Internet (Urheberrecht) sowie das Verbreiten von rufschädigenden Fotos und Videos (Cybermobbing). Ihr Kind sollte ein Gefühl dafür bekommen, wie es brenzlige Situationen meidet und sich im Ernstfall in einer unangenehmen Situation verhalten kann.

Zwei junge Frauen machen ein Selfie

Jugendlichen fehlt oft der Weitblick, wer ihre Bilder ansieht und wo ihre Bilder abgespeichert werden

Grenzfälle: Sind Nacktaufnahmen von Kindern tabu?

Kinder halbnackt oder nackt zu fotografieren ist für viele Eltern meistens eher eine Geschmacksfrage. Zweifelsfrei hat aber jeder in seinem Kinderalbum witzige und schöne Schnappschüsse, die nun mal gerade beim Planschvergnügen in der Badewanne oder Sommerurlaub am Strand entstanden sind. Verboten sind solche Fotos nicht, aber am besten verwahrt man diese in einem privaten und geschützten Fotoarchiv oder Album auf. Laut Paragraf 201 des Strafgesetzbuchs ist es aber auch für Eltern verboten, Bilder von minderjährigen Kindern zu verkaufen – egal, ob das Kind auf dem Bild in zweideutiger Pose oder beim Bauen von Sandburgen abgelichtet wurde. Auch der Ankauf von solchen Bildern ist bereits strafbar. Besonders heikel: der Gesetzgeber definiert „Nacktheit“ nicht genau – ist jemand nackt, wenn er nur noch eine Unterhose anhat oder hinter einem halbdurchsichtigen Vorhang zu sehen ist? Diese Fragen müssen die Gerichte in jedem einzelnen Fall klären.

Fazit: Persönlichkeitsrechte und Datenschutz für Kinder und Jugendliche im Internet

Wer auf Nummer sicher gehen will, belässt Bilder von Kindern und Heranwachsenden in einem privaten Papierfotoalbum oder auf einen gesicherten Datenträger. Wo es keine Schnittstelle zum Internet gibt, gibt es später auch keine Beschwerden über peinliche Fotos oder unfreiwillig zirkulierende Schnappschüsse. In sozialen Netzwerken sollten Fotos – wenn überhaupt – nur mit einem sehr engen Kreis von virtuellen Freunden geteilt werden. Achten Sie dabei auch auf die aktuellen Datenschutzrichtlinien der Netzwerke und wo sie angewandt werden.

Eigene „Baby-Accounts“ sind laut den Geschäftsbedingungen von z.B. Facebook nicht nur unzulässig, sondern auch nicht immer Grund zur Freude für älter werdende Kinder – denken Sie immer daran, dass Bilder aus dem Netz jederzeit anonym und kaum nachverfolgbar abgespeichert sowie vervielfältigt werden können. Begleiten Sie Ihre Kinder solange wie möglich beim Surfen im Netz und zeigen Sie durch eigenes positives Verhalten, wie man mit der Verbreitung von eigenen Bildern und Videos am besten umgeht. Medienkompetenz ist für Kinder heutzutage so wichtig wie Lesen, Schreiben und Rechnen und jugendgerechte Angebote in angepasster Sprache unterstützen Eltern und Verwandte in der Erziehungsarbeit.